Das Sachbuch ist im 19. und 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Medium geworden, mit dem sich die Wissensgesellschaft breiten- und tiefenwirksam auf dem Laufenden hält. Sachbücher wählen das Wissen aus und bilden das Wissen ab, das öffentlich wahrgenommen wird. Im Sachbuch werden die „großen Erzählungen“ über die politische, biologische, ästhetische, moralische, wirtschaftliche, religiöse, psychologische, ökologische Entwicklung der Kultur geschrieben. Dafür nehmen Sachbücher wie kaum ein anderes Medium den Zeitgeist auf. Und gerade weil sie sich nicht an ein Fachpublikum wenden, sondern Wissen popularisieren, prägen sie die Zeit, in der sie produziert, gekauft und gelesen werden, auf entscheidende Weise mit.

Allerdings gibt es nicht das Sachbuch. Vielmehr hat es eine Vielfalt an Formen, ein äußerst breites Spektrum an Schreibweisen und verschiedene Trägern ausgebildet, die selbst wiederum Auskunft über den jeweiligen medialen, kulturellen und (buch-)technischen Stand der Dinge geben. Das gilt auch und ganz besonders im aktuellen Medienumbruch. Denn sofern der Wissenserwerb in- und außerhalb der Bildungsinstitutionen weiterhin an das Buch und damit die sukzessive dominant sprachliche Vermittlung gebunden ist, stellt sich im Bereich der Wissenspopularisierung vehement die Frage nach den Prinzipien einer „buchhaften“ digitalen Form.

Eigenartig ist, dass das Sachbuch trotz seiner unbestrittenen gesellschaftlichen und kulturellen Relevanz ein Schattendasein führt. Für die Kultur-, Medien- und Geisteswissenschaften spielt es bis heute allenfalls eine Nebenrolle. Weder seine kulturelle Prägekraft noch die Möglichkeiten, über Sachbücher aktuelle Forschungsergebnisse in Umlauf zu bringen, finden hinreichend Aufmerksamkeit. Kulturwissenschaftliche und wissensgeschichtliche Untersuchungen widmen sich stattdessen eher den etablierten Gegenständen: der akademisch legitimierten Wissenschaft und ihren illegitimen Widerparts, der avancierten Theoriebildung und nicht zuletzt der „echten“ Literatur. Das Sachbuch erscheint aus dieser Perspektive als minderwertiges, unverlässliches Hybrid- oder Bastardmedium, mit dem sich nicht recht arbeiten lässt und von dem man sich kaum Erkenntnisse verspricht – nicht zuletzt weil es per se ein populäres kulturelles Produkt ist.

Unser universitätsübergreifendes und interdisziplinäres Forschungsprojekt rückt das Sachbuch dagegen in den Mittelpunkt literatur-, kultur-, buch- und medienwissenschaftlicher Fragen. Getragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Mainz, Bonn und der Humboldt-Universität zu Berlin, unterstützt von Praktikerinnen und Praktikern in Verlagen, im Buchhandel und in Redaktionen werden hier die bisherigen und die aktuellen Forschungen zum Sachbuch vernetzt und die Grundlage für eine empirische Forschung zur Geschichte, Theorie und Buchpraxis des Sachbuchs gelegt.

Das Forschungsprojekt war zunächst an der Humboldt-Universität zu Berlin und Universität Hildesheim angesiedelt und wurde von 2005 bis 2008 unter der Leitung von David Oels, Stephan Porombka und Erhard Schütz von der Fritz Thyssen Stiftung maßgeblich gefördert. Eine kommentierte Projektbibliografie 2004–2008 finden Sie hier und einige in diesem Zeitraum entstandene Artikel und Buchbesprechungen zum Sachbuch hier. Seit 2011 wird sachbuchforschung.de am Institut für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz betreut. Unterstützt wurde und wird die Sachbuchforschung vom Börsenverein für den deutschen Buchhandel, dem Christoph Links-Verlag, dem Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, den Freunden und Förderern der Mainzer Buchwissenschaft e.V., der Fritz Thyssen Stiftung, dem Gutenberg Lehrkolleg der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dem Institut für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dem Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Multimedia Lehr- und Lernzentrum der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Reservefonds der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Tre Torri-Verlag u.a.m.

Für den Relaunch der Seite im September 2012 und die neuerliche Überarbeitung im Juni 2014 danken wir Hannerose Mandik.